Erbauung der heutigen Straße Steinebrück - St.Vith (1852-56)

von L. Nilles - Lommersweiler

Eine der ältesten Straßen unseres Gebietes, die Via Mansuerisca, die von Trier nach Maastricht führte, durchquerte die Our in Steinebrück. Von hier aus führte sie in fast gerader Richtung auf Dreihütten zu.
Zahlreiche Hohlwege deuten heute noch den Verlauf dieser Straße an. In Dreihütten bog die Straße in Richtung Breitfeld ab. St.Vith wurde nicht direkt von diesem Römerweg berührt. Er führte zum Prümer Berg, dann in Richtung Wallerode und Hochkreuz.

Als dann das Römerreich unter den Schlägen der sogenannten Barbaren zusammenbrach, verlor diese Straße gänzlich an Bedeutung. Im Frankenreich herrschte die geschlossene Wirtschaft vor. Jeder Königshof stellte die Waren her, die in seinem Bereich benötigt wurden. Der Handel sank in unserer Gegend mit ausgesprochenem Agrarcharakter bis auf den Nullpunkt. Durchgangsstraßen waren deshalb nicht mehr erforderlich; die Wege dienten lediglich dem lokalen Verkehr.

Als nun im Mittelalter St.Vith immer mehr an Bedeutung gewann und zum Marktort geworden war, belebte sich allmählich diese Straße wieder. In Dreihütten wich sie von der alten Trasse ab, um St.Vith auf dem geradesten Weg zu erreichen. Diese Verbindung besteht heute noch, teils als Feldweg.

Diese mittelalterliche Verbindung war reichlich mit Schwierigkeiten bedacht. Davon zeugen heute noch die Hohlwege zwischen Steinebrück und dem Kemmel. Es galt hier, auf einer Länge von 1000 m, einen Höhenunterschied von 100 m zu meistern. Das entspricht einer mittleren Steigung von 10%, die aber stellenweise 15% betrug.

Eine Brücke über die Our gab es noch nicht. Bei trockenem Wetter konnte der Fluss bequem mittels einer guten Furt durchquert werden. Während der schlechten Jahreszeit war dies jedoch eine gefahrvolle Angelegenheit. Die sumpfige Anfahrt erleichterte die Durchfahrt keineswegs. Dazu gab es noch die zahlreichen Überschwemmungen des wilden Flusses, nicht nur im Winter und im Frühjahr, mitunter verließ die Our ihr Bett auch im Sommer, so im Jahre 1829, als Weppeler und Steinebrück wenigstens 15 Wagen Heu weggeflößt wurden (Gemeindechronik).

In der Nähe des Flusses (linkes Ufer) hatte sich ein Mann namens Kremer niedergelassen, der gegen ein geringes Entgelt allen passierenden Fuhrleuten mit seinem gut ausgebildeten Gaul den so nötigen Vorspann leistete. Das Pferd, die kluge Olga, brachte auch die Fußwanderer, selbst bei reißendem Hochwasser und ohne jegliche Führung, mit Sicherheit von Ufer zu Ufer. Dieser Mann unterhielt eine kleine Gastwirtschaft.

In stürmischen und dunklen Nächten konnte der Reisende hier den Tagesanbruch abwarten. Auf der rechten Uferseite fanden die Reisenden eine Unterkunft im Gasthaus Dorn. Die Bauern aus dem Prümer Land, die ihr Vieh auf dem St.Vither Markt feilboten, trafen abends hier ein. In drei eigens dafür eingerichteten Ställen konnte das Vieh untergebracht werden, um dann am folgenden Tage frühzeitig und frisch den Marktort zu erreichen.

In diesem Gasthaus trafen sich auch am Vorabend der Markttage Handelsleute, meistens Juden. Hier wurde die Marktlage eingehend besprochen, man einigte sich über die Viehpreise. Und wenn sich diese Gäste einfanden, mussten die Familienangehörigen ihre Betten für die gut zahlenden Herren hergeben. Einmal sollte der zehnjährige Sohn des Gastwirtes das Bett mit einem dieser Handelsleute teilen. Das missfiel anscheinend diesem Herrn. Er wusste sich aber zu helfen. Als er sich nun zur Ruhe begeben sollte, sagte er kurzerhand: „Lieber Junge, ich habe Läuse.“ Das verfehlte seine Wirkung nicht. Der Bursche packte seine Klamotten und eilte zu den anderen, die ihre Schlafstätte in der Küche eingerichtet hatten.

Diese Juden waren später auch noch regelmäßige Gäste, nachdem die Eisenbahn den Verkehr bedeutend erleichtert hatte. Die Gastwirtin verstand es auch vorzüglich, ihnen nur die Speisen vorzusetzen, die sich mit der jüdischen Religion vereinbarten.



Das alte Haus Dorn in Steinebrück (Foto L. Nilles)

Der Gastwirt Dorn besaß eine Koppel Zugochsen, mit der er den Fuhrleuten Vorspann leistete, um die steile Anhöhe am Hillenhaus vorbei bewältigen zu können.


ERBAUUNG DER HEUTIGEN STRASSE STEINEBRÜCK - ST.VITH (1852- 56)

Im Gegensatz zum mittelalterlichen Weg, der beide Orte auf dem kürzesten Weg verband, haben unsere Vorfahren die neue Straße den Launen der Landschaft angepasst, um jede Steigung auf ein Mindestmaß zu beschränken. Dadurch ist das Landschaftsbild in seiner natürlichen Schönheit erhalten geblieben. Besonders reizend ist die Strecke zwischen Dreihütten und Steinebrück. Hier durchschlängelt die Straße ein anfangs breites Tal, das sich beim Überschreiten des Koderbaches zu einer immer enger werdenden Schlucht zusammenzieht.

Die Straße St.Vith - Steinebrück in ihrer heutigen Form wurde zwischen den Jahren 1852 und 1856, während der Amtszeit des Bürgermeisters Alexander Demoulin, ordnungsmäßig ausgebaut. Von der 7500 m langen Strecke verlaufen ca. 1850 m auf St.Vither Gebiet, die restlichen 5650 m auf dem Gebiet der Gemeinde Lommersweiler.
Vor diesem Zeitpunkt muss die Straße in schlechtem Zustand gewesen sein. Für den 1. März 1817 war eine reitende und fahrende Post zwischen St.Vith und Prüm zweimal wöchentlich vorgesehen. Wegen des schlechten Zustandes der Wege konnte sie jedoch erst am 1. Juni 1817 eröffnet werden. Aber ein Jahr später fiel schon wieder die fahrende Post aus, nur die reitende blieb bestehen, beförderte aber keine Postpakete mehr. Zu dieser Zeit war ein Straßenbau ein Unternehmen, das mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden war. Hacke, Schaufel, Ochsen- oder Pferdegespann waren die einzigen Gehilfen des Menschen. Außerdem gab es die unvermeidlichen Schwierigkeiten finanzieller Art. Die Gemeinde hatte kein eigenes Einkommen zu verzeichnen. Die Einwohner wurden wieder, wie schon so oft, zu einer Beitragsleistung herangezogen.

Beim Bau dieser Straße erwarb sich Bürgermeister Alexander Demoulin ein großes Verdienst. Unter seiner Leitung gingen die Arbeiten gut von statten, und der Bau hätte ein glückliches Ende genommen, wenn nicht das vorgefallen wäre, was in der ganzen Gemeinde große Bestürzung hervorgerufen hat.

In der Gemeinderatssitzung vom 19.10.1854 berichtete Bürgermeister Demoulin, dass die Anfertigung des Planums beendet sei. Er teilte auch die enorme Summe mit, die dazu aufgebracht worden war, 717 Taler, wodurch die schwachen Kräfte der Gemeinde erschöpft waren. Der Bau war eine drückende Last für die Gemeinde, und als diese durch landrätliche Verfügung vom 11.10.1854 gebeten wurde, zum Bau der Straße St.Vith - Losheim eine Beitragsleistung zu gewähren, befürchtete der Gemeinderat, dass der Straßenbau „statt den Wohlstand der Gemeinde zu fördern, letztere durch neue Auflagen gänzlich zu Grunde richten werde.“

Nun kam noch hinzu, dass die Gemeinde Lommersweiler die Ourbrücke in Steinebrück allein finanzieren sollte. Trotz der Unterstützung des Landrates von Montigny, seines alten Freundes, hatte Demoulin es nicht erreicht, den Brückenbau zur Hälfte von der Gemeinde Winterspelt (Regierungsbezirk Trier) finanzieren zu lassen. Der Bau der Brücke forderte seitens der Gemeinde einen Beitrag von 340 Talern.

Dank der Umsicht des Bürgermeisters war die Brücke Ende 1855 jedoch soweit fertig gestellt, dass nur mehr die Sandsteindecklage der beiden Geländemauern fehlte. Auch die Straße war bis auf die Anfahrt zur Brücke fahrbereit.
In Bezug auf Brückenbau entstand eine Streitsache mit der benachbarten Gemeinde Winterspelt. Diese verlangte von Lommersweiler Schadenersatz, weil die Brücke angeblich von dem höheren Orts festgelegten Plane abweichend, um einigen Ruten zu weit flussabwärts erbaut sei, wodurch der Gemeinde Winterspelt erhebliche Mehrarbeiten und Mehrkosten bei den Anschlussarbeiten verursacht wurden. (Als Längenmaß für öffentliche Arbeiten galt fast überall die rheinländische Rute = 3,27 m). Baumeister Guischard aus Prüm verteidigte den Standpunkt von Winterspelt. Geometer Rom aus St.Vith, der die Pläne angefertigt hatte, widerlegte die Behauptung bei einer Lokaluntersuchung am 5. Mai 1856. Trotzdem beharrte Winterspelt bei seiner Behauptung und verlangte Schadenersatz. Der am 30.7.56 versammelte Gemeinderat von Lommersweiler erkannte den Anspruch auf Schadenersatz als unbegründet an und verweigerte jede Unterstützung.

Bürgermeister Demoulin soll der Nachbargemeinde wirklich einen Streich gespielt haben, aus Rache, weil die Gemeinde Lommersweiler allein die Kosten zum Bau der Brücke tragen musste. Er stand auf gutem Fuße mit dem Landmesse Rom. So erwirkte er, dass die Brücke auf dem jenseitigen Ufer in einem bis dicht zur Our reichenden Felsen auslief. So entstanden Mehrkosten für Winterspelt, und Lommersweiler zog den Nutzen daraus. Mit dem Räumungsmaterial wusste man nicht wohin; nur über die fertig gestellte Ourbrücke konnte es fortgeschafft werden. Schließlich gestattete Demoulin es, der gegnerischen Seite, es zur Errichtung seines Dammes durch das sumpfige Wiesental zu verwenden. Dieser Damm bildete auf Lommersweiler Seite den Anschluss zur Brücke. Die Errichtung des Dammes hätte der Gemeinde mehr gekostet als die halbe Brücke.

Bürgermeister Demoulin hatte es also fertig gebracht, zum großen Vorteile der Gemeinde, Brücke und Straße glücklich zu vollenden. Indem er selbst die Aufsicht der Arbeiten übernahm und das nötige Material herbeischaffen ließ, hatte er der Gemeinde kostspielige Auslagen erspart. An de Straße St.Vith - Steinebrück hatte er einen Steinbruch eröffnet und so eine billigere Anschaffung des Materials für den Bau der Straße und später für dessen Unterhaltung erwirkt. Der Gemeinderat erkannte dieses große Verdienst an. Unter der Leitung des Beigeordneten Jacob Kreins aus Setz beschloss er am 18.12.1855, dem Bürgermeister einen kleine Entschädigung von 180 Talern aus der Gemeindekasse zu überweisen.

Im Jahre 1856 konnte die Straße dem Verkehr übergeben werden, zur Freude aller. Doch auf die Freude folgte bald das, woran keiner gedacht hatte. Bürgermeister Demoulin wurde vor Gericht gezogen. Er wurde beschuldigt, den Straßenbau St.Vith - Steinebrück als Unternehmer ausgeführt zu haben. Außerdem wurde ihm zur Last gelegt, für den Bau der Straße Steine aus einem durch ihn eröffneten Steinbruch geliefert zu haben.
Gemäß Urteil des Friedensgerichtes von St.Vith vom 27. Mai 1857 wurde der Bürgermeister für schuldig erklärt; das bedeutete die Entlassung aus seinem Amte.

Ganz zuversichtlich erhebt Demoulin Einspruch. Der Gemeinderat scheint ebenfalls einen günstigen Ausgang des Prozesses zu erwarten. In der Sitzung vom 21.11.1857 unter der Leitung des Beigeordneten Jacob Kreins erkennt er nochmals das große Verdienst des Bürgermeisters an und beschließt, ihm eine weiterer Entschädigung zukommen zu lassen: „In Erwägung, dass die Gemeinde dem Herrn Bürgermeister eine Anerkennung für die vielen Verdienste schuldig ist, welche derselbe der Gemeinde durch seine Umsicht und Tüchtigkeit bei Leitung und Beaufsichtigung des Baues der St.Vith - Steinebrücker Prämienstraße zugewandt hat; dass der Gemeinderat zwar nicht im Stande ist, bei der Vermögenslosigkeit der Gemeinde, dem Herrn Bürgermeister eine Anerkennung zu bewilligen, wie solche im Verhältnisse der vielen Mühen steht, welche der Bürgermeister bei der Bauleitung gehabt hat, beschließt, dass dem Herrn Bürgermeister Demoulin für Leitung und Beaufsichtigung des St.Vith - Steinebrücker Prämienstraßenbaues eine Entschädigung von einhundert Talern aus der Gemeindekasse gezahlt und aus den disponiblen Mitteln gedeckt werden soll.“

Gegen alle Erwartung bestätigte das Königliche Landgericht zu Aachen das Urteil des St.Vither Friedensgerichtes. Da ein weiteres Rechtsmittel des Kassation nicht in Anwendung gebracht werden konnte, richtete der Gemeinderat eine Bittschrift an die Königliche Regierung in Aachen, in der er das Bedauern ausdrückt, Herrn Demoulin, der in seiner Gemeinde volles Vertrauen besitzt, aus seinen amtlichen Funktionen scheiden zu sehen. Er betonte nochmals, dass die Annahme der Richter, dass der Bürgermeister Unternehmer des Straßenbaues gewesen sei, aller Wahrheit entbehre, sondern, dass dieser nur die Aufsicht im Auftrage der Gemeinde ausgeübt habe; auch der Steinbruch sei im Einverständnis mit dem Gemeinderat eröffnet worden.

Alle Bemühen blieben ohne Erfolg, und am 1.März 1858 wurde Demoulin durch Bürgermeister Peter Maraite aus Crombach ersetzt.

Das war für Alexander Demoulin, der in seiner zwanzigjährigen Amtszeit (1837 – 1858) so manches Gute geleistet hatte, ein harter Schlag. Die große Bestürzung und das tiefe Bedauern, die seine Entlassung in allen Schichten der Gemeindeeinwohner hervorgerufen hatten, waren ein sicherer Beweis seiner Beliebtheit.